Erkenntnix
An einem Sonntag im Oktober sahen wir ihn das erste Mal. Ein lustiges kleines Kerlchen von dreieinhalb Kilo, welches aufgeregt an der Leine hin und her lief. Wir bekamen noch einige Informationen zu ihm von der Pflegestelle. Herrchen und Frauchen hatten sich getrennt. Frauchen hasste das Herrchen-liebende-Knäuel und lies ihre schlechte Laune über die Trennung wohl an ihm ab, bis der Hund anfing Frauchen zu beißen und zu hassen. Der einst geliebte Welpe wurde wenige Jahre später auf einmal gehasst, getreten und geschlagen, nicht wirklich gefüttert oder umsorgt. Keiner kann das verstehen.
Er war wohl lange nur in der Wohnung und Futter warf man ihm hin, wenn man ihn aus einer Ecke locken wollte.
Bis ihn jemand von der Frau weg holte.
Dann suchte man ein neues Zuhause für ihn und da kamen wir ins Spiel.
Da ich ein Frauchen bin, welches sich hauptsächlich um die Hunde kümmert, kamen mir Zweifel. War ich der Aufgabe gewachsen? Ein verstörtes, Frauen hassendes Wollknäuel zu Händeln und zu lieben.
Doch der kleine Rüde hatte sich schon längst in unsere Herzen geschlichen. So trat wenig später der kleine 4jährige Langhaar- Chihuahua mit uns die Reise nach Hause, für ihn in eine neue Welt, an.
Schon auf der Fahrt stellen wir fest, dass er Autofahren nicht kennt, aber durchaus wohl mochte. Mit großen Augen verfolgte er neugierig alles genau, etwas aufgeregt, aber nicht ängstlich, von Herrchens Schoß aus.
Schnell merken wir, dass er nicht unser einziges neues Familienmitglied war, er hatte seinen eigenen Flohzirkus dabei. Doch unsere Hände ertasteten leider noch anderes. Ein Knubbel am vorderen Beinchen lies erahnen, dass es mal gebrochen war, und auch zwei seiner Rippen schienen gebrochen gewesen zu sein. Meine Hand wollte ihn während der Fahrt streicheln, aber er zog seine Lefzen hoch und ich hielt lieber wieder beidhändig das Steuer.
Das Vertrauen als Frau musste ich mir wohl erst verdienen, dachte ich.
Zuhause wartete unsere Hündin Melody, auch ein Langhaar-Chihuahua und freute sich auf die Fütterungszeit. Melly, wie wir sie alle nannten, kam damals mit 12 Wochen zu uns.
Schnell noch die Schälchen abtrocknen, dachte ich, doch der Griff nach dem Geschirrtuch ließ mich erschrecken. Ein zähnefletschendes Fellknäuel versuchte mir in die Füße zu beißen.
„Aha“, bemerkte ich, „damit haben sie dich also auch geschlagen.“ Ich versuchte meine Tränen zu unterdrücken und tat das Tuch wieder weg.
Der eben gefüllte Napf des neuen Familienmitgliedes war in Nullkommanix leer, so dass er unsere Hündin von ihrem Napf weg biss, um auch ihres zu fressen. Also die nächste Fütterung in getrennten Räumen, dachte ich.
Um eine Flohdusche kamen wir an diesem Abend nicht herum, durften die Hunde doch mit in unser Schlafzimmer. Da er Frauen so feindselig gegenüber war, offensichtlich ja auch nicht ohne Grund, nahm ich Herrchen als Verstärkung zum Duschen mit.
Zitternd vor Angst, die Zähne fletschend und manchmal beißend hatten wir es aber trotzdem gut überstanden.
Beim vorsichtigen Abtrocknen mit dem Handtuch lernten wir sehr schnell aus seinem Beißbereich zu bleiben.
In der Nacht merkten wir, wie sinnvoll die Anti-Flohdusche war, denn ein völlig durchgekühltes kleines Fellknäuel bahnte sich nach kurzer Zeit einen Weg unter unsere Decke. Herrchen schlief immer so unruhig, so krabbelte der kleine Eisklumpen lieber zu Frauchen unter die Decke und legte sich an die Beine.
Der nächste Tag ließ mich ganz deutlich erkennen, dass er nichts kannte.
Kein Autofahren, keine regelmäßigen Mahlzeiten, keine Spaziergänge, weder in der Natur noch in der Stadt, kein streicheln, kein geliebt werden, kein Spielen…einfach Nix.
Doch der kleine Rüde, nennen wir ihn mal Erkenntnix, musste dadurch. Schließlich sollte er das Leben kennen lernen und zwar von seiner angenehmen Seite.
Erkenntnix hatte Angst vor den Blättern, die der Wind vor uns auf der Straße her wehte, vor den Kühen auf der Weide, vor Bäumen, vor Mülltonnen, vor Zweigen, die seine Beinchen berührten, vor Geräuschen und endlos viel anderen, was für uns völlig normal war.
Aber Erkenntnix lief gerne an der Leine und war interessiert an seiner neuen Welt. Trotz der Angst, die Neugier siegte und das war sehr gut.
Im November wurde es viel kälter und schon nach einer halben Stunde merkte ich, dass Erkenntnix nicht vor Aufregung zitterte, wie sonst beim Spaziergang. Ich animierte die Bonsaiwölfe zu einem Rennen, doch sein kleiner Körper hörte nicht auf zu zittern. Kein Wunder dachte ich, hatte er doch so dünnes Fell und er war auch noch etwas unterernährt.
Ein Pullover musste her und zwar schnell, überlegte ich und ließ Erkenntnix, mit dem Po voran, in meine Umhängetasche aus dicken, doppelten Fleecestoff gleiten. Ein Glück wiegst du nur etwa 3 Kilo, dachte ich.
Zitternd und Zähne fletschend ließ er es geschehen. Ich versuchte ruhig zu bleiben und steckte meine Hand in die Seite der Tasche, als Wärmequelle sozusagen.
Nach kurzer Aufwärmphase wurde er wieder zum Laufen entlassen. Welch eine Freude bei ihm…
Ein Pullover aus Schurwolle war an dem Abend für diese Größe schnell gestrickt und zu meinem Erstaunen ließ er ihn sich, zwar erst Zähne fletschend, aber dann doch bereitwillig, anziehen.
Die Gassigänge waren gesichert, doch der Machtkampf in der Wohnung begann. Schon in den ersten Tagen hatte ich gelernt, dass es besser für mich war, die Schuhe in der Wohnung anzubehalten. Maßregelte ich meine Kinder, stand er Zähne fletschend vor mir. Schimpfte ich mit meinen Kindern oder redete laut, versuchte er mir in die Füße zu beißen. Vom ersten Augenblick an, hatte er die Kinder in sein Herz geschlossen. Doch ganz besonders hatte es ihm unser Sohn angetan. Er durfte Dinge mit ihm machen, woran ich nie denken würde.
Schimpfte ich deshalb mit meinem Sohn, wurde ich Zähne fletschend von Erkenntnix weggejagt.
Später schien er der Meinung zu sein, er wäre der Chef und ich hätte auf dem Sofa nichts zu suchen. Nach Beißattacken mir gegenüber, kam er wieder runter vom Sofa und einmal sogar aus dem Wohnzimmer, da er nicht aufhörte. Solche Szenen ließen mich zweifeln das Richtige getan zu haben. Doch aufgeben kam für mich nicht infrage.
Ich muss ruhig und positiv bleiben, damit diese Energie auf ihn übergeht, sagte ich mir.
Sein verkorkster Magen von der schlechten, wenn überhaupt, Fütterung früher, ließ ihn die erste Zeit den Inhalt auch noch mal fressen. Bekam er morgens nicht früh genug sein Fressen, spukte er Galle und biss mich weg, beim Versuch den weißen Schaum aufzuwischen. Von der gekauften Heilerde ein Teelöffel täglich in sein Futter brachte alles wieder in die Bahnen, doch es dauerte ein halbes Jahr.
Er lernte schnell unsere Wörter, kam bei `Geschirr abmachen´ angerannt und bei dem Wort `Leckerli´. Lernte Sitz und Platz, und tobte mit Freude hinter dem Ball her oder einem anderen Spielzeug.
Oft lag er bei unseren Füßen, wenn wir auf dem Sofa saßen. Standen wir auf, hatten wir eine Fußhupe, wenn wir ihn berührten, was wir natürlich nicht so toll fanden.
So nahmen wir ihn wieder hoch aufs Sofa, wo auch unsere Hündin lag. Längst hatte er gelernt, dass wir Rudelführer waren.
Immer öfter blieb er, immer länger auf dem Sofa oben, merkte dass es ein besserer Platz war und entspannte von Mal zu Mal mehr.
Dreimal am Tag Futter bekommen, zum Gassi raus und rein, Geschirr an und aus und eine Hand, die ihn dabei sanft berührte. Er merkte meine Ruhe, spürte meine Liebe und suchte meine Hand, wenn ich das Geschirr abnahm. Immer öfter wollte er gestreichelt werden, erst nur kurz, dann immer länger. Nur sehr langsam fasste er Vertrauen, aber wen wundert das.
Manchmal nahm ich ihn auf den Arm und wir schauten aus dem Küchenfenster, das gefiel ihm. Jede Berührung, jede Streicheleinheit saugte er in sich auf, wie ein trockener Schwamm. Nach kurzer Zeit auf meinem Arm vor dem Fenster, ließ ein tiefer Seufzer seinen Körper beben, so ein kleines Seelchen und so viele Narben dachte ich. Ich streichelte sie behutsam weg, jeden Tag, jede Woche, jeden Monat ein wenig mehr. Immer öfter schmiegte er sich an meine Seite, suchte Nähe, und ich spürte wie sich der kleine, gepeinigte Körper auf meinem Arm langsam entspannte. Doch das war schlagartig vorbei, wenn mein Körper ihm signalisierte, dass ich ihn runtersetzen wollte.
Das anfängliche `Zähne fletschen mit Beißbereitschaft´ ist mittlerweile allerdings in `protestierenden Knurren´ übergegangen, bei meiner langsamen ruhigen Bewegung dem Boden entgegen, um ihn vorsichtig abzusetzen. Kein weiterer Kommentar an diese Stelle, außer vielleicht …wie können einige Menschen nur…?
Der erste gemeinsame Urlaub stand an, doch als wir sein Kuschelkörbchen ins Auto packten, ließ ihn das wohl das Schlimmste vermuten. Zähnefletschend wurde ich weg gebissen. Dabei sollten die Hunde es doch nur bequem haben während der Fahrt und ein Körbchen zum Schlafen in der Ferienwohnung. Ich ging und ignorierte es. Während der Fahrt entspannte er sich wieder allmählich.
Schnell merkte er im Urlaub, dass alle den ganzen Tag da waren, wir gemeinsam etwas unternahmen. Vier Menschen und ein Hund waren und sollten seine neue Familie bleiben. Aus Erkenntnix wurde Percy, damit er mit seinem alten Namen auch sein altes Leben vergessen konnte.
Er nahm den Namen sofort an, hörte auf ihn und seine Fortschritte gingen in großen Schritten weiter. Viel früher hätten wir ihn umbenennen müssen, dachte ich.
Die Ferienwohnung schien Percy gut zu gefallen. Ein Sprung auf die Lehne des Sessels, ermöglichte ihm nach draußen zu gucken. Ein Geräusch im Treppenflur und er verteidigte auch hier bellend seine Familie.
Das Zähnefletschen wurde von Tag zu Tag weniger, dann von Woche zu Woche und von Monat zu Monat. Längst wusste Percy, dass Handtücher nicht wehtun, wenn auch das Abtrocknen für ihn etwas unangenehm war. Wenn es ihm zu viel wurde, schnappte er.
Auch lernte er, dass nicht alle Frauen böse waren, doch er ließ sich trotzdem nicht von jeder Frau streicheln. Duschen war immer noch nicht das Schönste für ihn, aber er ließ es brav geschehen.
Die Gassigänge waren wohl das Schönste und das Aufregendste. Je entspannter er wurde, desto öfter und länger durfte er ohne Leine laufen.
Ein kleines Wettrennen mit Hündin Melly ist auch mal ganz nett. Halt, was roch da denn so gut. Erst mal eine Nase voll schnuppern…
Der zweite Winter bei uns…sein Fell war nun deutlich dicker und er weigerte sich, den Pulli anziehen zu lassen. Doch der eisige Wind auf dem freien Feldweg beraubte jeden seiner Wärme. Gut nur, dass ich die dicke Fleece Tasche mitgenommen hatte. Doch Percy lief eisern weiter mit seinen stolzen 3,5kg und einem mittlerweile muskulösen Körperbau.
Fressen gab es nun wieder im gleichen Raum, Näpfe nebeneinander. Percy Schlingfuß bekam eine 30cm Kette aus einem Baumarkt ins Fressen, damit er besonnener fraß und Fräulein Melly brauchte seitdem keine Angst mehr um ihr Futter haben. Sie hatte ihr Futter längst auf, bevor Percy fertig war.
Ich hatte ihn sanft vom Thron gestoßen, denn er war hier weder Chef noch Einzelkämpfer. Er konnte sich beruhigt dem Rudel anvertrauen, hier wurde für ihn gesorgt. Regelmäßiges Fressen, Streicheleinheiten, Knabbereien, Trockenfleisch, Gassigänge, Ausflüge, Hundetreffen und vieles mehr.
Immer öfter lag er nach etwa zwei Jahren mal ganz entspannt auf seinem Rücken. Immer öfter brauchte es mehr als ein kleines Geräusch, damit er hochschnellte.
Ich wurde nicht mehr bewacht und er suchte öfter meine Nähe. Liebte es außerdem, sich auf dem Sofa an die Beine meiner Tochter zu kuscheln. Dort fühlte er sich sicher.
Schaute ich aus dem Fenster, ob die Kinder aus der Schule kamen, sprang er an meinen Beinen hoch, wollte auf meinen Armen auch rausschauen.
Noch immer schrie er auf vor lauter Panik, wenn beim Gassi ein kleiner Zweig oder ähnliches seine Hinterbeine berührte oder wir beim Streicheln. Niemand weiß, ob er je sein vorheriges Leben vergessen kann, seine Ängste. Wir werden alles tun, dass er möglichst angstfrei leben kann und ihn lieben wie er ist.
Je entspannter er war, desto näher ließ Melly ihn an sich heran. Nebeneinander auf dem Sofa liegen und spontane Wettrennen ließen mich auf eine innige Hundefreundschaft hoffen.
*
Dein halbes Leben warst du nun schon bei uns. Das erste war noch nicht ganz vergessen, wird es wohl auch nie.
Im letzten August musstest du mit uns die Melly gehen lassen. Du warst acht Jahre alt und Melody wurde nicht mal zehn.
Eine Freundschaft war es nie geworden, eher ein akzeptiertes Miteinander.
Und doch hattest du sie gesucht und schienst sie zu vermissen, genau wie wir.
Du warst nun der Pascha im Rudel, wurdest von allen noch mehr beachtet, umsorgt und geknuddelt. Jedenfalls bis du wieder die Zähne fletschst, um uns zu erinnern, dass du kein Kuschelhund warst.
Nie wieder einen zweiten Hund, hatte ich gesagt und doch kam ich Mitte Juni wieder mit so einem Fellbündel an.
Ein zappeliges Etwas, unterwürfig und sich ständig anbiedernd. Verstört, weil das Frauchen verstorben war. Kannte nicht an der Leine laufen und du solltest ihr zeigen, wie man draußen Pipi machte.
Eine leichte Übung und schon nach kurzer Zeit hattest du sie zum Markieren abgerichtet, laufen an der Leine ging auch nach zwei Tagen und der Schnupperkurs klappte sehr gut.
Das kleine Fellbündel wurde Pia genannt, aber das war eine andere Geschichte…
Piccolo---Percy
Re: Piccolo---Percy
Welch eine herzbewegende Geschichte!
Danke dafür .
Alles Liebe weiterhin.
Danke dafür .
Alles Liebe weiterhin.
Re: Piccolo---Percy
Herzlichen Dank ;-*
Percy wurde noch 17 Jahre, am 9. April ist er zwei Jahre tot.
Er war zuletzt blind, taub und hatte Alzheimer bzw. Dement...er hatte sogar vergessen mich zu beissen.
Percy war aber auch ein kleiner Clown und sein Unterkiefer war ein Centimeter kürzer, so dass er mich an Goofy erinnerte.
Eine tolle Persönlichkeit, ich vermisse ihn noch heute...
Percy wurde noch 17 Jahre, am 9. April ist er zwei Jahre tot.
Er war zuletzt blind, taub und hatte Alzheimer bzw. Dement...er hatte sogar vergessen mich zu beissen.
Percy war aber auch ein kleiner Clown und sein Unterkiefer war ein Centimeter kürzer, so dass er mich an Goofy erinnerte.
Eine tolle Persönlichkeit, ich vermisse ihn noch heute...
